Mal ehrlich, wer kennt’s nicht – dieses Gefühl, dass man anderen was vormacht, obwohl man genau weiß, dass man’s draufhat?
Ich erinnere mich noch an mein erstes großes Meeting mit einem Kunden. Ich saß da, Laptop offen, Hände leicht schwitzig, und dachte: „Wenn die wüssten, dass ich eigentlich gar keine Ahnung hab…“
Natürlich hatte ich Ahnung. Sogar richtig viel. Nur mein Kopf wollte mir partout nicht glauben. Willkommen im Klub der Hochstapler, dachte ich später – mit einer Mischung aus Erleichterung und genervter Selbstironie.
Was das Hochstapler-Syndrom wirklich ist
Das Hochstapler-Syndrom ist kein offizielles Krankheitsbild, sondern eher ein Muster im Denken. Menschen, die sich darin wiederfinden, glauben, ihren Erfolg nicht verdient zu haben. Sie schieben Erfolge auf Zufälle, gute Umstände oder freundliche Kollegen – alles, nur nicht auf die eigene Leistung.
Mehr Hintergrundwissen findest du zum Beispiel im Artikel „Hochstaplersyndrom: Warum du dich im Job unterschätzt“.
Das Gemeine daran ist, dass es vor allem die trifft, die eigentlich besonders gut sind. Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selbst, die sich dauernd vergleichen und denken, andere hätten alles im Griff. Spoiler: Haben sie nicht.
Woran du erkennst, dass du dazugehört
- Du hast Angst, enttarnt zu werden – als jemand, der weniger kann, als andere denken.
- Du erklärst deinen Erfolg mit Glück, Zufall oder „netten Leuten um dich herum“.
- Du setzt dich unter Druck, immer perfekt zu sein.
- Du glaubst, dass Lob übertrieben ist.
- Du fühlst dich unwohl, wenn du als Expertin oder Experte bezeichnet wirst.
Ich hab auf dieser Liste fünf von fünf getroffen. Herzlichen Glückwunsch, der Hochstapler in mir war also amtlich bestätigt. Nur hilft das erstmal gar nichts.
Wie das Hochstapler-Gefühl entsteht
Es gibt nicht die eine Ursache. Manche wachsen in Familien auf, in denen Leistung alles bedeutet. Andere wurden ständig verglichen, wieder andere haben einfach gelernt, dass Fehler gefährlich sind. Was ich bei mir gemerkt habe: Ich hab mir jahrelang eingeredet, dass „richtig gute Leute“ immer noch besser vorbereitet, noch konzentrierter, noch systematischer sind. Kurzum: nie ich selbst. Kein Wunder, dass mein Selbstvertrauen irgendwann in der Ecke saß und beleidigt war.
Warum das Hochstapler-Syndrom falsch liegt
Das Gehirn lügt uns an. Und es ist verdammt überzeugend dabei. Es verkauft alte Glaubenssätze als Wahrheiten. „Du bist nur erfolgreich, weil du Glück hast“, sagt es. Oder: „Irgendwann merken sie, dass du keine Ahnung hast.“
Ich hab irgendwann angefangen, mich zu fragen: Was wäre, wenn das einfach nur ein dummes Muster ist, das sich hartnäckig hält? Keine Wahrheit, sondern ein alter Reflex.
Ich weiß, klingt leichter gesagt als getan. Aber genau das ist der Punkt: Diese Gedanken sind keine Fakten. Sie sind nur Gewohnheiten im Denken. Und Gewohnheiten lassen sich ändern.
Strategien, die wirklich was bringen
Ich will keine typischen Selbsthilfe-Tipps runterleiern. Stattdessen erzähl ich dir, was mir geholfen hat – und was viele andere als sinnvoll empfinden. Im Beitrag Wie KI mir hilft, meine Nutzer wirklich zu verstehen geht es übrigens darum, wie man mit reflektiertem Denken und klugen Systemen Muster aktiv hinterfragt – ähnlich wie beim Hochstapler-Syndrom.
1. Eigene Erfolge schwarz auf weiß
Ich hab mir irgendwann eine Datei angelegt. Einfach eine Liste, in der ich alles notiere, das gut lief. Vom erfolgreichen Kundenprojekt bis zur zufriedenen Rückmeldung nach einem Vortrag.
Wenn wieder mal die innere Stimme „Schwindler!“ schreit, lese ich diese Liste. Und ganz ehrlich: Das wirkt. Es bringt mich zurück in die Realität, zu dem, was wirklich da ist. Nicht zu dem, was mein Kopf mir einreden will.
2. Über Glaubenssätze lachen
Ich hab gemerkt, dass Humor die beste Waffe gegen innere Kritiker ist. Wenn mir dieser Gedanke kommt, „Du bist doch gar kein echter Experte“, sag ich laut: „Na klar, Sherlock, und der Kaffee kocht sich auch von selbst.“ Lachen unterbricht das Drama. Danach schaut man klarer.
3. Richtig gute Gespräche
Ich hatte mal ein Gespräch mit einer Kollegin, die ich total bewundert hab. Ich dachte, sie sei komplett selbstsicher. Sie erzählte mir dann, dass sie regelmäßig denkt, sie fliegt jeden Moment auf. Ich saß da, völlig baff. Wenn sie das denkt, darf ich das auch.
Diese Momente holen dich auf den Boden – aber im besten Sinn. Es zeigt dir, dass du nicht allein bist, und dass du dich nicht mit Menschen vergleichen musst, die dieselben Zweifel haben. Wenn du solche offenen Gespräche spannend findest, hör mal in den „Innenwelt“-Podcast von WDR 5 rein – da geht’s genau um solche inneren Themen.
4. Expertenstatus annehmen – auch wenn’s unbequem ist
Ich weiß, das Wort „Experte“ fühlt sich komisch an. Wie etwas, das andere sind. Aber Expertise heißt nicht, alles wissen zu müssen. Es heißt, in einem Gebiet so viel Erfahrung gesammelt zu haben, dass du anderen helfen kannst. Punkt.
Ich hab irgendwann aufgehört, mich im Vergleich zu messen, und angefangen, mich als Dienstleister zu sehen. Ich löse Probleme. Das reicht. Das ist Expertise.
Wie sich das in der Praxis anfühlen kann, zeigt sich in meinem Beitrag Mit Herz, Witz und Strategie: So laufen Verhandlungen in der Akquisephase richtig gut.
5. Wach bleiben, aber freundlich zu sich selbst
Selbstkritik ist nicht schlecht. Sie hält dich wach. Aber sie darf dich nicht lähmen. Es ist okay, mal Fehler zu machen oder zuzugeben, dass man was nicht weiß. Menschen vertrauen dir eher, wenn du ehrlich bist. Niemand erwartet Roboter-Perfektion. Schon gar nicht in meiner Welt – und das ist gut so.
Was Firmen tun können
Viele unterschätzen, wie verbreitet dieses Phänomen ist. In Teams kann das Hochstapler-Syndrom dazu führen, dass gute Leute sich zurückhalten, nichts sagen, keine Ideen einbringen. Das ist Gift für Innovation und Motivation.
Ein gutes Führungsteam schafft Räume, in denen Menschen offen über Unsicherheit reden dürfen – ohne dass das als Schwäche gilt. Feedback sollte ehrlich, aber auch ermutigend sein. Wer das schafft, hebt nicht nur das Vertrauen, sondern auch die Leistung im Team (hier kommt übrigens neu-protec ins Spiel, wo Führungskräfte genau solche Prozesse professionell angehen).
Warum Selbstvertrauen kein Dauerzustand ist
Ich hatte Phasen, da fühlte ich mich unbesiegbar. Und dann wieder Tage, an denen ich dachte, ich hätte alles verlernt. Das ist normal. Selbstvertrauen ist nichts, das man einmal hat und dann für immer behält. Es ist wie ein Muskel, der immer wieder trainiert werden will.
Das Beste daran: Man wird mit der Zeit besser darin, sich selbst zu beruhigen. Die Stimme im Kopf wird leiser, man erkennt sie früher. Und manchmal darf sie auch einfach da sein, solange sie nicht das Steuer übernimmt.
Warum das Hochstapler-Syndrom sogar nützlich sein kann
Ja, richtig gelesen. Ein bisschen Zweifel kann auch Antrieb sein. Menschen, die sich ihrer Grenzen bewusst sind, arbeiten oft gründlicher und bleiben lernbereit. Problematisch wird’s erst, wenn die Zweifel übernehmen.
Ich hab gelernt, dass diese Unsicherheit mich auch daran erinnert, demütig zu bleiben. Wer denkt, alles zu wissen, hört irgendwann auf zuzuhören. Und das wäre das eigentliche Risiko.
Wie du dir selbst besser vertraust
Viele denken, Selbstvertrauen entsteht daraus, dass man sich einredet: „Ich bin gut genug.“ Das hilft kurz, aber nicht dauerhaft. Echte Sicherheit kommt aus Handeln. Jede Erfahrung, jeder Versuch, jeder Erfolg – das alles baut ein Fundament, das mit der Zeit stabiler wird.
Deshalb: Nicht überdenken, einfach machen. Und wenn’s wackelt, erinnere dich daran, dass alle wackeln. Nur zeigen es nicht alle gleich offen. Wenn du lernen willst, wie Storytelling und Persönlichkeit auch nach außen wirken, lies Wie deine Marke online Charakter bekommt – von der Farbpalette bis zum Tonfall.
Wenn du das Gefühl hast, du trittst auf der Stelle
Dann hilft’s, Unterstützung zu holen. Ein Coach, ein Mentor, jemand, der neutral draufschaut. Ich hab das selbst gemacht und es war Gold wert. Man verliert schnell den Blick dafür, wie viel man schon erreicht hat. Ein Außenblick bringt Perspektive zurück.
Also bitte: Lass dich nicht von der inneren Hochstaplerin veräppeln. Du bist da, weil du was kannst. Punkt. Wenn du noch mehr Input suchst, findest du wertvolle Ansätze im Beitrag „Adieu Selbstzweifel: Impostor-Syndrom besiegen“.
Fazit
Das Hochstapler-Syndrom ist wie ein lästiger Nachbar, der immer zu viel redet. Du wirst ihn nie ganz los, aber du lernst, die Tür nur noch einen Spalt breit zu öffnen.
Selbstvertrauen ist kein Zustand, sondern eine Entscheidung, die du immer wieder triffst. Du darfst scheitern, zweifeln, stolpern – und trotzdem Experte sein. Denn das bist du längst.
Und falls du dich gerade beim Lesen ertappt fühlst: Willkommen im Club. Wir sind viele. Und wir arbeiten dran.











