Ich habe schon vieles gesehen, aber nichts nervt mich mehr als ein Design, das mich austricksen will. Kaum klickst du auf den falschen Button, hast du plötzlich ein Abo an der Backe oder deine Daten sind irgendwo gelandet, wo du sie nie sehen wirst.
Was ethisches Design überhaupt bedeutet
Ethisches Design ist im Grunde ganz einfach. Es geht darum, Dinge so zu gestalten, dass Menschen verstehen, was passiert. Keine versteckten Fallen, keine doppeldeutigen Optionen, keine Tricks. Klingt banal, ist es aber im Alltag selten.
Manche Designer verstecken den „Nein danke“-Button in Hellgrau auf Hellweiß. Andere lassen dich glauben, du würdest nur ein Feature testen und zack, Abo. Ich nenne das die dunkle Magie der UI. Manche sagen „Dark Patterns“. Ich nenne es schlicht: Verarsche. Wer tiefer in das Thema einsteigen will, findet in der Bachelorarbeit zu Dark Patterns (TU Wien) spannende rechtliche und gestalterische Analysen dazu.
Mein erster Kontakt mit einem miesen Interface
Ich erinnere mich noch genau. Ich wollte einfach nur mein Flugticket drucken, da poppte eine riesige Werbeseite auf. In grellem Grün der Button „Weiter“. Darunter ganz klein ein „Ohne Versicherung fortfahren“. Natürlich klickt jeder auf „Weiter“. Was passierte? Zack, Zusatzversicherung für 25 Euro. Kein Rückweg.
Ich war sauer. Aber noch mehr war ich fasziniert. Wie konnte man so gezielt das Vertrauen der Nutzer gegen sie selbst wenden? Da begann mein Interesse an ethischem Design. Nicht aus Theorie, sondern aus Wut.
Die beliebtesten Tricks – und warum sie funktionieren
Ich liebe Listen. Besonders, wenn sie zeigen, was in der Praxis wirklich passiert. Hier meine Favoriten aus der Abteilung „Design aus der Hölle“:
- Falsche Hierarchie: Der bunte „Ja“-Button zieht Aufmerksamkeit, während „Nein“ blass und verloren danebensteht.
- Versteckte Checkboxen: „Ich stimme zu, dass meine Daten verkauft werden dürfen“ ist winzig und irgendwo rechts unten platziert.
- Endlose Abmeldeprozesse: Anmelden mit einem Klick, aber zum Abmelden brauchst du ein halbes Jura-Studium.
- Countdown-Terror: „Angebot endet in 2 Minuten!“ – obwohl der Timer bei jedem Laden neu startet.
- Optische Täuschungen: Buttons, die wie ein „Abbrechen“ wirken, aber etwas ganz anderes tun.
All das passiert täglich. Wir sind so daran gewöhnt, dass wir kaum merken, wie unfair es eigentlich ist.
Die psychologische Keule hinter dunklem Design
Design ist nichts anderes als Verhaltenspsychologie mit Farbe. Wer weiß, wie Menschen reagieren, wenn sie Druck spüren, kann sie mit kleinen Reizen in bestimmte Richtungen lenken. Farben, Größen, Platzierung – alles sendet unterschwellige Botschaften.
Das funktioniert, weil wir im Netz oft schnell agieren. Wir lesen nicht, wir klicken. Und genau darauf setzen unethische Interfaces. Du sollst nicht nachdenken. Du sollst einfach „Ja“ drücken.
Warum ethisches Design gutem Marketing ähnelt
Gutes Design verkauft auch, aber ehrlich. Es schafft Vertrauen. Es sagt klar: „Das bekommst du, wenn du klickst.“ Punkt. Die besten Marken bauen ihre Stärke auf Transparenz auf, nicht auf Tricks.
Ich habe das bei neu-protec gesehen. Die machen Cybersecurity, aber ihr ganzes Branding basiert auf Klarheit. Jede Seite sagt dir in zwei Sekunden, worum es geht. Kein Gefasel, keine versteckten Checkboxen. Einfach ehrlich.
Und wer wissen will, wie klares Design direkt in der Nutzerführung wirkt, sollte sich auch mit Warum dein SaaS kein Erfolg wird, wenn du dein Onboarding versaust beschäftigen – dasselbe Prinzip, nur im Onboarding-Bereich.
Wie Unternehmen mit grauen Interfaces Vertrauen verbrennen
Man denkt oft, ein kleiner Trick hier oder da schadet nicht. Kurzfristig vielleicht nicht. Aber langfristig kostet es Vertrauen. Menschen merken sich Dinge. Wenn sie sich verarscht fühlen, kommen sie nicht zurück. Sie erzählen davon. Und zwar laut.
Ich hatte mal einen Klienten aus dem E-Commerce, der stolz war, wie viele extra Klicks sein Abo-Formular hatte. Nach drei Monaten war die Retourenquote durch die Decke. Kundendienst am Limit. Warum? Weil die Leute sich getäuscht fühlten. Ehrlichkeit hätte ihn weniger Geld gekostet als dieses Theater.
Das Gegenmittel: Transparenz, Timing, Testen
Ethisches Design ist kein Hochglanzthema für Idealisten. Es ist handfeste Praxis. Drei Dinge helfen sofort:
- Transparenz: Schreib, was wirklich passiert. Kein juristisches Kauderwelsch, sondern klare Sprache.
- Timing: Frag Dinge, wenn sie Sinn ergeben. Nicht direkt beim ersten Besuch die Newsletter-Frage.
- Testen: Lass echte Menschen mit deiner Oberfläche spielen und hör ihnen zu. Nicht nur Daten zählen, auch Emotionen.
Wer testen will, wie Nutzer wirklich reagieren, findet praktische Tipps in A/B-Tests in WordPress: So findest du heraus, was wirklich klickt. Nichts zeigt ehrlicher, wie gutes Design wirkt.
Ein Experiment: Versuch, dein eigenes Design „zu überlisten“
Nimm dir deine Seite vor und tu so, als hättest du keine Ahnung, was du da willst. Klick einfach drauflos. Wenn du dich irgendwo verloren fühlst oder genervt bist, weißt du sofort: Da stimmt was nicht.
Ich mache das regelmäßig. Dabei entdecke ich fast immer kleine Fehler, die mir vorher entgangen sind. Man wird blind für die eigenen Tricks, auch wenn sie gut gemeint sind.
Ethisches Design hat nichts mit Langeweile zu tun
Ein Design darf verführen. Es soll Emotionen wecken, Interesse schaffen, Spaß machen. Aber es darf nicht lügen. Ein gutes Interface führt, aber es schubst nicht.
Ich finde, die besten Interfaces sind wie ein guter Gastgeber. Du fühlst dich willkommen, du weißt, wo du lang musst, und wenn du gehen willst, blockiert dich keiner an der Tür.
Wie Gesetze langsam nachziehen
Die EU hat das Thema erkannt. Gesetze gegen Dark Patterns sind im Anmarsch. Das ist gut, bringt aber nur halb so viel, wenn die Haltung fehlt. Kein Paragraf ersetzt Verantwortung.
Design ist am Ende moralisches Handeln in Pixeln. Wer da trickst, macht sich nicht nur rechtlich angreifbar, sondern vor allem menschlich unglaubwürdig. Eine gute Übersicht zu aktuellen Entwicklungen im Interface-Kontext bietet Cross-Reality Interaction 2024.
Von der Pflicht zur Chance
Ich sage es immer wieder: Ethisches Design ist kein moralischer Luxus. Es ist gutes Business. Wer ehrlich kommuniziert, gewinnt langfristig. Vertrauen ist ein Kapital, das du nicht kaufen kannst. Du musst es dir verdienen.
Jedes Interface erzählt etwas über die Firma dahinter. Entweder „Wir wollen dich verstehen“ oder „Wir wollen dein Geld“. Ich weiß, welche Variante ich lieber anklicke.
Ein Blick in die Zukunft
Ich bin optimistisch. Weil mehr Designer dieses Thema ernst nehmen. Weil Teams über Verantwortung reden. Weil Nutzer lauter werden.
Und weil wir alle irgendwann die Nase voll haben von falschen Buttons, die uns zum Narren halten. Ich glaube, das ist der Punkt, an dem gutes Design wieder gewinnt. Mit Haltung, Humor und Ehrlichkeit.
Meine persönliche Faustregel
Wenn du etwas baust, das du selbst nicht gern bedienen würdest, stimmt was nicht. Einfacher wird’s nicht.
Und wenn du mal unsicher bist, frag dich: Würde ich mich hier verarscht fühlen? Wenn die Antwort Ja ist, weißt du, wo du ansetzen musst.
Fazit
Ethisches Design ist kein Extra, das man implementiert, wenn noch Budget übrig ist. Es ist der Grund, warum Nutzer bleiben. Es macht die digitale Welt nicht immer nett, aber ein Stück fairer.
Und seien wir ehrlich: Niemand interessiert sich für dein Produkt, wenn dein Interface beim ersten Klick nervt. Also schnapp dir deine UI, schau sie dir kritisch an und bau sie so, dass du selbst drauf vertrauen würdest. Dann machst du’s richtig.













